Jagd nach dem Bernsteinzimmer

Alles in allem muss man sagen, dass RTL wohl der Dreh eines recht spannend inszenierten Abenteuers gelang. Immer wenn jedoch versucht wird, einen Kern historischer Wahrheit in die Fantasygeschichte zu stricken, wird es peinlich.

T.A. Richter

 

Tipp für Schatzsucher:
Wo liegt das Bernsteinzimmer wirklich?

 

Germania Jones auf Deutschland-Reise von T.A.Richter

In der dritten Folge seiner Abenteuerfilme mit historischen Ideenanleihen lässt Regisseur Florian Baxmeyer das berühmte Bernsteinzimmer suchen. Während alle ernstzunehmenden Theorien zum Verschwinden und Verbleib des Bernsteinzimmers sicher den Stoff für einen spannenden Krimiabend liefern könnten, blieb auch diesmal RTL möglichst nah an "Indiana Jones" - und damit fernab der historischen Begebenheiten.

Zu den Fakten: Beim Bernsteinzimmer handelt es sich um aufwendig gestaltete Wandverkleidungen, die Anfang des 18.Jahrhunderts für das preussische Königshaus angefertigt wurde. Der als "Soldatenkönig" bekannte Friedrich der I. - für Kunstsinn nicht bekannt - tauschte es alsbald beim russischen Zaren gegen eine Truppe Söldner ein. So befand sich der Kunstschatz schon bereits seit über 200 Jahren in russischem Besitz, als die deutsche Wehrmacht 1941 ihn während des Rußlandfeldzuges nahe Leningrads fand. Daraufhin wurde er nach Königsberg verbracht. Dort verlor sich in den Wirren der letzten Kriegsmonate jede Spur.

Diese wurde nun auch von Florian Baxmeyer nicht wieder aufgenommen. Mag sein, dass es den Machern bei RTL zu wenig abenteuerlich erschien, sich mit einer solch geradezu alltäglichen Problematik wie Beutekunst abzugeben. Jedenfalls begnügt sich das Drehbuch nicht mehr nur mit dem Verschwinden eines Kunstschatzes. Im Gegenteil: Von Interesse ist letztendlich nur der Bernstein selbst, als Speicher einer Wunderpflanze, einer Medizin, die selbst unheilbar Kranke genesen ließe. Was im normalen Leben als Ziel aller medizinischen Forschung erschiene, mutiert in dem Film selbstverständlich zur Wunderwaffe: Im Besitz dieser Heilpflanze wären Hitlers Soldaten unbesiegbar. Doch da die Handlung nicht im 3.Reich spielt, sind nun neue,dunkle Mächte im Spiel. Ein Pharmakonzern interessiert sich brennend für die Pflanze, wieder geht es um Milliardengeschäfte mit dem Militär. Fast möchte man meinen, die gesamte Pharmazie wäre nur die Fortsetzung der Kriegskunst mit anderen Mitteln.

Da das Bernsteinzimmer selbst in der weiteren Handlung ja keine Rolle mehr spielt, sondern quasi nur ein Accessoire bleibt um dem Film zu einem kraftvollen Titel zu verhelfen, konnte auch Königsberg als wahrscheinlichster Aufenthaltsort außen vor bleiben. Stattdessen gleicht die Suche einer Deutschland-Tournee, es geht im Norden (St.Peter-Ording - nicht zu verwechseln mit St.Petersburg) los und endet nach einigen Wechselfällen am Kehlsteinhaus ganz im Süden. Nicht wirklich um Glaubwürdigkeit bemüht, würzt man die Geschichte trotzdem zwischendurch mit ein paar Wehrmachtsrequisiten auf. Außerdem hat - wer sonst? - kein geringerer als Albert Einstein selbst das Bernsteinzimmer ins Kehlsteinhaus gebracht und dabei kryptische Spuren für die Nachwelt hinterlassen. Sinn des ganzen war es, das Bernsteinzimmer vor den Nazis zu verstecken. Weshalb er sie dafür jedoch von Königsberg, welches bereits seit 1944 Frontstadt war und jederzeit von der Roten Armee hätte erobert werden können, nach Südbayern brachte, in ein Gebiet, von dem bis Kriegsende alle Welt dachte, es würde als "Alpenfestung" am längsten unter Nazi-Herrschaft bleiben, muss im Film leider offen bleiben. Wahrscheinlich dient das Kehlsteinhaus genauso nur als vermeintlich authentische Kulisse wie das Völkerschlachtdenkmal (ist eben auch ziemlich deutsch) oder die anderen Hilfsmittel, die am Rande für die historische Glaubwürdigkeit bemüht werden. Auch Letztere entpuppen sich bei näherem Hinsehen als reine Nazi-Devotionalien. Da werden Geheimbotschaften extra auf einer "Enigma"-Verschlüsselungsmaschine codiert - wer hätte sie auf dieser Maschine besser entschlüsseln können als die Nazis selbst? Weitere Botschaften finden sich an Bord einer alten "Tante Ju" im Münchener Museum - doch wurde dieses Exponat nachweislich erst 1947 in Frankreich gebaut. Zuletzt ist die Tür zum Versteck natürlich nicht durch ein simples Vorhängeschloss gesichert, sondern durch den legendären Urcomputer Zuse Z3. Geniale Maschine, doch es ist anstrengend glauben zu wollen, dass die Bernsteinzimmer-Diebe auch gleich noch eine bereits im Jahr 1943 zerstörte, tonnenschwere Maschine quer durch Deutschland in die Alpen schafften, die zwar rechnen konnte aber ob ihrer Eigenschaften nicht zur Steuerung von Türschlössern befähigt war.

Verborgene Schätze und Funde